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März 2019 | Interview

Die Zukunft provozieren – Interview mit Karl-Heinz Land

Wir freuen uns sehr über unser nächstes Innovation Minds-Interview mit dem Digital-Pionier und Querdenker Karl-Heinz Land. Wir haben mit ihm über die Digitalisierung, die Zukunft unserer Gesellschaft und seines neues Buch „Erde 5.0“ gesprochen.

Herr Land, Sie sind als ein Pionier der digitalen Transformation bekannt. Vor Kurzem haben Sie Ihr Buch „Erde 5.0“ veröffentlicht – ein Plädoyer für eine nachhaltige und sozial gerechte Welt. Wie gut passen Digitalisierung und öko-soziales Denken zusammen?

Absolut perfekt. Im Moment wird ja viel über die Digitale Transformation gesprochen. Für mich greift das zu kurz. Wenn wir die Herausforderungen der Zukunft meistern wollen, müssen wir nicht nur über eine Digitale Transformation, sondern über eine nachhaltige „Business Transformation“ nachdenken. Das bedeutet, dass wir unser Wirtschaften mit Ökologie, Umweltschutz und Management 5.0 in Einklang bringen. Die Technologie kann uns hierbei eine sehr große Hilfe sein. Ein Beispiel: Wenn wir ein Auto besitzen, nutzen wir es zu maximal fünf bis sechs Prozent. 95 Prozent der Zeit steht es nur herum. Wenn wir Plattformen einsetzen, d.h. in diesem Fall Carsharing-Plattformen, dann könnte mein Auto auch noch von 20 anderen Personen genutzt werden. Bei einer Rate von 1:20 würde das im Umkehrschluss bedeuten, dass nur noch jedes 20. Auto gebaut wird. Alleine dadurch könnten wir unglaubliche Mengen an Energie, Rohstoffen, CO2 und wertvollen Ressourcen einsparen. In Zukunft werden uns Plattformen also dabei helfen, den Überfluss in unserer Gesellschaft sinnvoll zu verteilen.

Ein Zeichen unserer Zeit ist ja der so genannte „Technology Fix“, d.h. der Glaube, dass sich all unsere Probleme früher oder später mit dem Einsatz der richtigen Technologie lösen lassen. Das sehen allerdings nicht alle so. Was entgegnen Sie diesen Menschen?

Gute Beispiele wie dieses: Aktuell werden zwei Drittel der Weltagrarfläche für die Produktion von Tierfutter wie Soja oder Mais verwendet – also für Milliarden von Nutztieren, die auf Weiden stehen und klimaschädliches Methan erzeugen. Anschließend werden diese Tiere transportiert und geschlachtet, oftmals unter sehr fragwürdigen Bedingungen. Wenn wir morgen unser Fleisch, weil es die Technologie ermöglicht, aus dem Reagenzglas bekommen, brauchen wir weder Tiertransporte, verschwenden keine 17.000 Liter Wasser um ein Kilogramm Fleisch zu erhalten und erzeugen kein Methan. Und das Beste: Wir könnten die zwei Drittel der Weltagrarfläche stattdessen dafür nutzen, weitere vier Milliarden Menschen auf diesem Planten zu ernähren, die wir in schon in 35 bis 40 Jahren haben werden. Daher sage ich: Ja, natürlich löst Technologie Probleme!

In Zukunft werden uns Plattformen dabei helfen, den Überfluss in unserer Gesellschaft sinnvoll zu verteilen. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Gab es für Sie einen bestimmten Auslöser, einen speziellen Moment, in dem Sie gespürt haben „So kann es nicht weitergehen mit unserer Welt. Ich muss etwas tun!“

Das Thema konkretisierte sich als ich mein erstes Buch „Digitaler Darwinismus – der stille Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke“ schrieb. Je mehr ich mich darin mit Themen wie Nachhaltigkeit und Technologie auseinandersetzte, desto mehr merkte ich, wie diese Themen polarisieren. Während die eine Seite technische Entwicklungen fast vollständig ablehnt, findet sie die andere Seite wunderbar. Ich wollte mich mit den Standpunkten dann auf eine Art und Weise auseinandersetzen, die nicht nur die Pros oder Kontras betrachtet, sondern beide Seiten zusammenführt. Das Ergebnis ist mein neues Buch „Erde 5.0“.

Klimakrise, Insektensterben, Flüchtlingsströme und zugemüllte Ozeane. Die drängendsten Probleme unserer Welt flimmern jeden Tag über unsere Bildschirme. Warum tun wir Menschen uns bislang so schwer etwas gegen diese Missstände zu tun?

Leider doktern wir Menschen gerne an Symptomen herum und machen uns nicht die Mühe, die dahinter liegenden Ursache- und Wirkungsprinzipien zu verstehen. In meinem Buch zeige ich, dass alles mit allem zusammenhängt. Wir haben die Klimakrise, steigende Temperaturen, Wasser- und Nahrungsmangel. Und wir haben eine wachsende Ungleichheit, bei der die einen immer reicher und die anderen immer ärmer werden. Das alles führt zu sozialen Instabilitäten. Diese Krisen erleben wir aktuell ja überall: In Amerika mit Trump, in Frankreich mit Le Pen, hier in Deutschland haben wir die AFD mit Gauland und in Chemnitz gehen die Leute mit Rechtsradikalen auf die Straße. Und das sicher nicht, weil sie alle rechtsradikal sind, sondern weil sie tief verunsichert sind. Diese Verunsicherung ist überall spürbar. Das gesamte System ist in Schieflage. Daher sage ich: Lasst uns das große Ganze betrachten. Ich finde beispielsweise die Diskussion um den Diesel und Feinstaub ganz hilfreich, aber wir werden unseren Planeten CO2-technisch sicher nicht in Deutschland retten. Viel wichtiger ist, was in Zukunft in Afrika, China und Indien passiert.

Was werden die gravierendsten Veränderungen sein, die in den nächsten Jahren auf uns zukommen?

Für mich ist die Klimakrise das drängendste Problem der Zukunft. Nicht mehr so sehr für meine Generation, aber für die unserer Kinder und Enkelkinder. Deswegen finde ich es richtig gut, dass die Kinder jetzt auch auf die Straße gehen. Ich habe immer gefordert: Überlasst das nicht den Alten! Mischt euch ein! Wir hatten zuletzt leider eine gewisse Dekadenz im System, die dafür gesorgt hat, dass sich die Jugendlichen nicht mehr in die Politik eingemischt haben. Dann hatten wir im letzten Jahr allerdings diesen extrem heißen Sommer und die Menschen haben das erste Mal richtig gespürt, das mit unserem Klima etwas nicht stimmt. Und wir Menschen lernen dummerweise am besten aus Krisen. Insofern war der Dürresommer 2018 auch wichtig, damit wir endlich handeln und einen Kurswechsel einleiten.

Ich finde es richtig gut, dass die Kinder jetzt auch auf die Straße gehen. Ich habe immer gefordert: Überlasst das nicht den Alten! Klicken Sie um zu Tweeten

 

Der Untertitel Ihres Buches lautet „Die Zukunft provozieren“. Warum haben Sie sich für das Wort „provozieren“ entschieden? Sie hätten ja auch „gestalten“ schreiben können…

Mir waren Wörter wie „gestalten“ oder „herausfordern“ nicht hart genug. Denn es wird in Zukunft nicht nur darum gehen, die Dinge zu machen – wir müssen auch klar sagen, was wir auf gar keinen Fall machen wollen. Ein Beispiel: Vor knapp 20 Jahren haben wir das menschliche Genom entschlüsselt und können mit der sogenannten CRISPR-Schere – wie zuletzt in China geschehen – gezielt das menschliche Genom manipulieren. Wir könnten also hergehen und sagen, ich möchte Kinder haben, die blonde Haare, blaue Augen und einen ganz bestimmten IQ haben. Aber: Wollen wir diese Büchse der Pandora wirklich öffnen? Oder sollten wir, wie ich meine, lieber die Finger davon lassen? Und das müssen wir JETZT entscheiden, denn vieles wird in Zukunft sehr schnell machbar sein. Denken Sie nur an Robotik und künstliche Intelligenz. Die Entwicklungen in diesen Bereichen werden in 20 bis 30 Jahren dafür sorgen, dass die Hälfte der Arbeit, die wir heute kennen, verschwinden wird. Wie wollen wir als Gesellschaft mit dieser Situation umgehen? Was sind unsere Antworten? Genau das meine ich mit „Zukunft provozieren“.

Sie fordern in Ihrem Buch eine Abkehr vom Shareholder-Value-Ansatz und wünschen sich stattdessen eine „Sinnökonomie“. Warum ist ein „sinn-volles“ Wirtschaften für Sie zentral?

Weil wir heute viele Dinge machen, die keinen Sinn machen. Ein einfaches Beispiel: Wir produzieren Unmengen von Plastik, weil es deutlich billiger ist als Glas. Aber wenn wir das Plastik dann aus den Weltmeeren fischen, merken wir, dass es auf einmal doch nicht mehr so billig ist. Oder das Beispiel Kernenergie: Man hat immer gesagt, das ist ein günstiger Energieträger. Heute wissen wir, dass das nicht stimmt, denn die Folgekosten sind überhaupt noch nicht abschätzbar. Daher plädiere ich für eine Ökonomie, in der wir bei Produkten die ehrlichen Kosten inklusive der Umweltverschmutzung und der Rückführung in den Wertstoffkreislauf berechnen. Ein weiteres Beispiel: Warum ist ein Bahnticket nach Berlin heute teurer als ein Flugticket nach London? Das liegt daran, dass Flugkerosin nicht besteuert wird. Was ist das für eine schwachsinnige Regelung? Leider subventionieren wir unendlich viele Dinge, die keinen Sinn machen. Das muss sich dringend ändern.

Wir führen unser Interview für das „Leonardo da Vinci Forum“, das ich aufgrund meiner großen Bewunderung für das Universalgenie ins Leben gerufen habe. Welche großen Denker und Innovatoren haben Sie persönlich am meisten beeinflusst?

Da gibt es eine ganze Menge! Auf der einen Seite natürlich großartige Künstler wie Leonardo oder auch Michelangelo, die ja gleichzeitig Wissenschaftler und Innovatoren waren. Auf der anderen Seite aber auch viele Leute aus der Jetztzeit. So wie der kürzlich verstorbene Steven Hawking oder Harald Lesch, der komplexe wissenschaftliche Zusammenhänge so erklären kann, dass sie auch für den normalen Bürger verständlich sind. Ebenso Dirk Steffens, der sich intensiv mit den hochaktuellen Themen Biodiversität und Artensterben auseinandersetzt.

Gibt es noch eine Frage, von der Sie sich gewünscht hätten, dass ich Sie Ihnen gestellt hätte? Wenn ja, wie lautet Sie?

Ja. Und sie lautet: „Warum sollten wir jetzt handeln?“ Das ist die Frage, die ich mir immer wünsche.

Und Ihre Antwort?

Weil wir eine Verantwortung tragen! Nicht nur für uns, sondern vor allem für unsere nachfolgenden Generationen. Denn ich weiß nicht, ob wir irgendwann unsere Enkel, so wie die junge Greta Thunberg, sagen hören wollen: „Hört mal, ich will, dass ihr in Panik verfallt und endlich handelt, als stünde das Haus unter Feuer!“ Und ich möchte mich von meinen Enkeln oder Urenkeln eines Tages nicht fragen lassen müssen, warum uns unsere schädlichen Gewohnheiten und unsere Bequemlichkeit wichtiger waren als ihre Zukunft. Wollen wir das wirklich? Ich könnte damit nicht gut leben!

Ich auch nicht! Vielen Dank für das spannende Interview, Herr Land.

 

Über Karl-Heinz Land:

Karl-Heinz Land ist Insider der digitalen Transformation. Sein Herzensthema – die Digitalisierung – erlebt und gestaltet er seit über 35 Jahren, unter anderem in Führungspositionen bei international operierenden Unternehmen wie Oracle, BusinessObjects (SAP) und Microstrategy. Mit neuland hat er 2014 eine Digital und Strategieberatung ins Leben gerufen, die laut Ranking der Zeitschrift „brandeins“ wiederholt zu den besten Deutschlands zählt. Als Serienunternehmer und Investor setzt er auf innovative Technologien wie die Blockchain und das Internet der Dinge. Das World Economic Forum (WEF) und das „Time Magazine“ zeichneten Land bereits 2006 mit dem „Technology Pioneer Award“ aus.

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3 Antworten zu “Die Zukunft provozieren – Interview mit Karl-Heinz Land”

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