Kreativität entfalten

April 2020 | Interview

Kreativität entfalten – Interview mit Frank Berzbach

Frank, du bist nicht nur eine Experte für Kreativität, sondern auch ein großer Musikliebhaber. Welches Album hat dich zuletzt am meisten inspiriert und warum?

Mein Musikhören ist oft durch Lektüre inspiriert; ich verfolge kaum neue Musik. In der Plattenläden schaue ich mir das Angebot von Jazz, Klassik und Hiphop an. Mein letzter Kauf war ein Album, auf dem John Coltrane mit Duke Ellington zusammen spielt. Eine romantische, großartige LP. Dann habe ich mir ein Beethoven Klavierkonzert (Nr.1), dirigiert von Herbert von Karajan, gekauft – ein Gespräch von Haruki Murakami mit Seiji Ozawa (»Absolutely on music«) hat mich darauf neugierig gemacht.

Du bist mehrfacher Autor, dein mit Abstand meistverkauftes Buch ist „Die Kunst, ein kreatives Leben zu führen“. Wie erklärst du dir den großen Erfolg dieses Buches?

Scheinbar hat es einen Nerv getroffen, Kreative setzten sich heute mehr mit den tieferen Aspekten ihrer Tätigkeit auseinander. Es gibt ein Bedürfnis nach Arbeitsformen, die nicht krank machen. Es ist ein nachdenkliches, aber Mut machendes Buch.

Du beschäftigst dich schon viele Jahre intensiv mit dem Zen-Buddhismus, der sich auf das bewusste Wahrnehmen des Hier und Jetzt fokussiert. Was bedeutet Kreativität im Zen-Buddhismus?

Es gibt im Zen die Vorstellung, dass aus der Fähigkeit, sich konzentrieren zu können, eine eigene Energie hervorgeht. Und dass die Konzentration trainierbar ist. Zen ist keine Technik, sondern es beruht auf der Einsicht, dass die Selbsterforschung der Schlüssel zum Überwinden des Leidens werden kann – wenn wir daran arbeiten. Es gibt besondere Vorstellungen zur Ästhetik im Zen, die eher auf die Schönheit und weniger auf oberflächliche Attraktivität zielen.

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Welche Rolle spielt Spiritualität im kreativen Prozess?

Die schöpferische Tätigkeit ist nie etwas rein technisches oder nur handwerkliches. Wir setzen etwas an die Stelle, wo vorher nichts war. Bei den ganz großen kreativen Leistungen wissen wir nicht, woher sie eigentlich kommen. Ich glaube jedenfalls, dass wir das, was über uns hinausgeht, nie loswerden.

Worin liegt für dich der Unterschied zwischen Kreativität und Innovation?

Innovationen sind einfach Neuerungen und es ist eher ein soziologischer Begriff. Kreativität, etwas tiefer verstanden, wird auch ethische Aspekte nie los. Deshalb sehe ich sie als »schöpferische« Tätigkeit. Wir sind nicht jeden Tag kreativ. Oft lösen wir nur komplexe Probleme, dafür reicht Intelligenz aus. Kreativität geht darüber hinaus.

Leonardo da Vinci schreibt: „Wenn du allein bist, wirst du ganz dir selbst gehören. Hast du nur einen Gefährten um dich, so wirst du dir nur halb gehören.“ Wie viel Einsamkeit braucht ein kreatives Leben?

Darüber denke ich inzwischen etwas anders. Einsamkeit kann sehr bedrückend und lähmend sein; aber was die Kreativität benötigt ist Ungestörtheit und Stille. Ich bin Autor, da verbringt man sehr viel Zeit allein – Schreiben und Lesen sind zurückgezogene Tätigkeiten. Kreative müssen sich eher bemühen, sich sozial einzubinden. Alleine Arbeiten können, zumindest im ersten Teil des Arbeitsprozesses, ist ihr Alltag. In der Realisierung – zum Beispiel ein Buch zu machen – sind dann sehr viele Leute beteiligt. Das ist auch kooperative Arbeit. Die Rahmenbedingungen für Kreativität sind aber unter dem sozialen Druck von »New Work« nicht gerade gut. Zu viele Großraumbüros, zu wenig feste, gut ausgestattete Arbeitsplätze.

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Kreativität, Innovation und Veränderung sind unserem Universum fest einprogrammiert. Warum tun wir uns trotzdem so schwer, mit diesen Konstanten zu leben?

Vergänglichkeit ist ein Element des Lebens. Wir haften aber an den Dingen, gegen viele Neuerungen gibt es Widerstand. Das sehen wir auch politisch: viele wollen zurück in ganz düstere Zeiten, in denen es autoritär zugeht und Veränderungen mit Gewalt verhindert werden sollen. Dahinter steckt Angst. Und wer die verdrängt, dem bleibt nur die Aggression.

Angenommen Chemiker entdeckten ein neues Element, das nach dir benannt wird und den schönen Namen „Berzbachium“ trägt. Was wären die besonderen Eigenschaften dieses Elements?

Oh, es wäre der Stoff im Gehirn, der Mitgefühl weckt und Gelassenheit erzeugt. Wir sind keine Götter. Oder er wäre in einem Medikament, dass man vom Hass zerfressenen Menschen in den Morgenkaffee mischen könnte. Am allerliebsten wäre es mir, wenn das Element Rassisten heilen könnte.

Was sind deine Pläne für die nahe Zukunft?

Schreiben. Ich möchte weiter Bücher machen, ich würde gern etwas besser finanziell klar kommen. Und vielleicht würde ich sogar etwas sesshafter werden.

Danke für unser offenes und anregendes Gespräch, Frank.

 

Über Frank Berzbach:

Dr. Frank Berzbach​, Jahrgang 1971, unterrichtet Literaturpädagogik und Philosophie an der Technischen Hochschule Köln. Nach einer Ausbildung zum Technischen Zeichner studierte er Erziehungswissenschaft, Psychologie und Literaturwissenschaft. Über Wasser hielt er sich als Bildungsforscher, Wissenschaftsjournalist, Fahrradkurier und Buchhändler. Er hat eine Vorliebe für Fahrräder, Schallplatten und Bücher, Tätowierungen und Klöster. Er lebt in Köln und auf St. Pauli.

Publikationsschwerpunkte: Kreativität, Arbeitspsychologie, Religion und Spiritualität, achtsamkeitsbasierte Psychologie, Literatur, Popmusik, Popkultur und Mode. Ende Februar erschien sein Romandebüt im Eisele Verlag. »Die Schönheit der Begegnung. 32 Variationen über die Liebe«.

 

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