Produktivität schlägt Kreativität - Interview mit Wolfgang Erharter

April 2021 | Interview

Wolfgang Erharter: Produktivität schlägt Kreativität

Du schreibst in deinem lesenswerten Buch „Kreativität gibt es nicht“, dass du nicht an das heute vorherrschende Konzept der Kreativität glaubst. An was glaubst du?

Der Begriff der Kreativität war eigentlich schon immer missverständlich. Die Kreativitätsforschung begann ursprünglich als eine Subdisziplin der Intelligenzforschung und es ist ihr bis heute nicht gelungen, den Begriff Kreativität sinnvoll zu beschreiben. Aber um deine Frage zu beantworten: Ich glaube an die Produktivität. Auf Deutsch gibt es ein sehr schönes Wort das heißt Schaffen. Und Schaffen bedeutet zum einen „Schaffe, schaffe, Häusle baue“, also etwas tun, intensiv arbeiten. Schaffen heißt aber auch, etwas hinter sich bringen, ein Examen schaffen; und es bedeutet auch er-schaffen, d.h. etwas bisher nicht Vorhandenes in die Welt zu setzen.

Und all das hat mit Kreativität als Potenzial oder Talent recht wenig zu tun. Ich glaube an die Produktivität der heutigen Wissensarbeiter und ich glaube – und das mag vielleicht konservativ klingen oder so als hätte es in diesem Thema überhaupt nichts verloren – an Disziplin, Professionalität, Vielfalt und Urteilsvermögen. Das sind für mich alles Komponenten, aus denen sich die so genannte Kreativität speist. Aber am Ende des Tages geht es um das Schaffen, um das Erschaffen von etwas und nicht um Selbstfindung oder darum, möglichst viele Ideen zu haben.

Welchen Missverständnissen sitzen wir beim schöpferischen Arbeiten auf?

Wie eben erwähnt geht im Kern ums Schaffen und nicht um Kreativität. Hier muss man zwischen dem privaten und dem betrieblichen Bereich unterscheiden. Im Privaten geht es, wenn sich Leute für Kreativität interessieren, oft um Sinnfindung. Darum, das eigene Leben sinnvoller zu gestalten und etwas Schöpferisches zu tun, weil man vielleicht zu sehr im Hamsterrad gefangen ist. Im betrieblichen Kontext dagegen geht es darum, das unternehmerische Denken zu fördern. Und ich glaube, in beiden Bereichen ist der Ansatz, über die Kreativität zu gehen, falsch. Denn im Privaten wie im Betrieblichen ist die Kreativität immer nur eine Folge bestimmter Voraussetzungen, niemals aber deren Ursache.

Im betrieblichen Kontext vergleiche ich die Kreativität daher gerne mit der Motivation. Auch bei ihr gibt es nicht den einen Knopf, der gedrückt werden muss, sondern viele unterschiedliche Einflussfaktoren. Die gleichen Rahmenbedingungen, die Mitarbeiter motivieren und produktiv werden lassen, fördern auch ihre Kreativität. Hier gibt es meiner Erfahrung nach kaum einen Unterschied.

Ich habe wunderbar kreative und höchst produktive Momente mit Leuten, die absolute Pragmatiker, Analytiker oder vielleicht sogar Langweiler sind – weil wir einen generativen Dialog führen. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Ein weiteres Missverständnis ist die Sache mit den beiden Gehirnhälften. Viele Menschen glauben nach wie vor an das Konzept der beiden Gehirnhälften (linke Gehirnhälfte = rational, rechte Gehirnhälfte = kreativ, Anm. d. Verf.). Die meisten wollen sich dann vor allem um die kreative Gehirnhälfte kümmern. Was viel weniger erforscht, aber genauso wichtig ist,  ist die Vernetzung der beiden Gehirnhälften. Und das ist genau der Punkt, denn es geht nicht um eine isolierte Betrachtung der Kreativität. Es geht um die Frage, wo passiert die Kreativität – in den Köpfen oder zwischen den Köpfen? Meine Erfahrung ist: Beides ist korrekt und keines kann für sich alleine stehen. Ich habe wunderbar kreative und höchst produktive Momente mit Leuten, die absolute Pragmatiker, Analytiker oder vielleicht sogar Langweiler sind – weil wir einen generativen Dialog führen.

Du empfiehlst, dass wir bei unserer Lebens- und Karriereplanung unbedingt zwischen „Neigung“ und „Eignung“ unterscheiden sollten. Wie meinst du das?

Bei Neigung geht es immer um Leidenschaft und die wird gerade bei der ganzen Literatur, die aus dem angloamerikanische Raum unter dem Motto „Live your passion, live your dream!“ kommt, sehr in den Vordergrund geschoben. Genau das lenkt die Leute aber in eine falsche Richtung. Sehr viele Leute glauben, wenn sie ihrer Leidenschaft frönen oder ihr Hobby zum Beruf machen, also ihre Neigung ausleben, dann sind sie glücklicher oder beruflich erfolgreicher. Dem ist meiner Ansicht nach nicht so. Bei allen Leuten, die ich kenne und die etwas machen, das nach nach viel Leidenschaft und Kreativität aussieht, hat das vor allem mit Disziplin, harter Arbeit und den eigenen Stärken zu tun. Und das ist genau das, was ich mit Eignung meine. Gerade in den vielen Momenten, in denen es nicht so gut läuft, ist die Disziplin viel wichtiger als die bloße Leidenschaft.

Leider sind sich die meisten Menschen ihrer wahren Stärken viel zu wenig bewusst sind, d.h. sie wissen gar nicht, was ihnen wirklich leicht fällt und wo sie mit weniger Aufwand überdurchschnittliche Resultate erbringen. Ich kann eine wunderbare Neigung für etwas haben, aber wenn ich in diesem Bereich keine wirklichen Stärken habe, wird es einfach nicht hinhauen.

Dazu gibt es übrigens ein schönes Bild von Albert Einstein, das ihn beim Violinespielen zeigt. Die wenigsten wissen, dass Einstein auch ein begnadeter Musiker war. Die Wahrheit ist aber auch: Er war ein viel begnadeterer Physiker. Dieses Beispiel zeigt meiner Meinung nach wunderbar den Unterschied zwischen Neigung und Eignung. Deshalb ist es so wichtig, dass wir sowohl im Privaten als auch Beruflichen unsere Stärken kennen und wissen, was uns wirklich leicht fällt und nicht nur, wo uns unsere Leidenschaft hinzieht.

Albert Einstein spielt Violine (1931)

 

Du betonst, dass schöpferisches Arbeiten nicht nur Spaß, sondern auch Auseinandersetzungen mit sich bringt, z.B. auch in Partnerschaften …

Zuerst kurz zum Spaß, den du angesprochen hast, weil mir das wichtig ist. Vor ca. 20 Jahren begann die „Googlisierung“ der Arbeitswelt mit dem Dogma „Arbeit muss Spaß machen“. Der springende Punkt: Keine Art von Arbeit kann das zu 100 Prozent erfüllen – aber die Leute glauben es. Natürlich gibt es bei Unternehmen wie Google ansprechende Räumlichkeiten, Snacks, Kickertische und sogar Kletterwände. Aber all das hat nichts damit zu tun, ob die Leute in ihrer Arbeit Sinn finden. Dieser ganze Spaßfaktor nutzt sich nach meiner Erfahrung bereits innerhalb weniger Wochen ab. Am Ende geht es immer um eine sinnvolle Arbeit, um gute Führung und gute Beziehungen zu den Kollegen – und nicht um den „Spaß“.

Am Ende geht es immer um eine sinnvolle Arbeit, um gute Führung und gute Beziehungen zu den Kollegen – und nicht um den „Spaß“. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Und um auf deine Frage zurückzukommen: Im privaten Bereich geht es in Beziehungen von schöpferischen Menschen vor allem um Balance, d.h. um die Frage, wie viel Zeit ich selbst in meine kreative Arbeit investiere und wie viel dieser schöpferischen Zeit ich meinen Partner zugestehe. Natürlich gibt es auch Beziehungsmodelle, in denen eine Person komplett zurücksteckt, um der Partnerin oder dem Partner dafür zu 100 Prozent den Rücken freizuhalten.

Ich erlebe in der heutigen Zeit aber immer mehr Beziehungen, in denen sich beide Partner gleichermaßen entfalten wollen. Und das bedeutet, dass sie Auseinandersetzungen über das gemeinsame tägliche Zeitmanagement haben werden. Man muss sich immer wieder die Frage stellen, ob ich jetzt tatsächlich die Zeit dazu habe, etwas Schöpferisches zu tun oder ob ich nicht eher etwas für die Kinder, die Familie oder den Haushalt tun sollte. Oder, ob ich einfach Geld verdienen muss. Die Frage, wie viel Zeit sich Partner für all die Dinge erlauben, die ihnen wichtig sind, muss also jedes Mal aufs Neue beantwortet werden. Und das wird nicht ohne Auseinandersetzungen und gegenseitiges Verständnis gehen.

Als Organisationscoach hilfst du Unternehmen, eine Innovationskultur zu entwickeln. Kannst du skizzieren, wie du hier typischerweise vorgehst? Wo setzt du an?

Ja, da habe ich einen Hebel. Und der setzt immer bei der Führung an. Auf welcher Führungsebene das genau ist, hängt immer vom Auftrag ab. Aber gerade wenn es um Kultur geht, dann gilt für mich immer die Gleichung „Unternehmenskultur = Führungskultur“.

Klar ließen sich Phänomene wie Kultur, Motivation oder Kreativität auch mit Hilfe von Analogien begreifbar machen. Aber oft verschwimmen diese Bilder wieder, je genauer man sie sich anschaut. Das ist ja auch das Paradoxe: Kultur ist ist zwar für alle spürbar, aber nicht direkt beeinflussbar, nur indirekt. Und da habe ich den größten Hebel, wenn ich mit den Führungskräften arbeite. Die meisten meiner Kunden kommen auf mich zu und sagen meine Leute sind nicht kreativ genug. Da brauche ich dann die gesamtorganisationale Sicht.

Ein Beispiel: Ich habe einen typischen Mittelständler begleitet, der sich darüber beklagte, dass seine Bereichsleiter nicht unternehmerisch genug denken, was nichts anderes heißt, als dass sie nicht kreativ genug sind. Dann habe ich über Gespräche und Workshops herausgefunden, dass das Problem ganz woanders liegt. In diesem Fall bei einem der beiden Geschäftsführer. Dieser hat alle neuen Initiativen seiner Mitarbeiter ausgebremst, weil er selbst keine Veränderung wollte. Er wollte also gar nicht, dass seine Mitarbeiter unternehmerisch denken. Am Ende hat das dann dazu geführt, dass dieser Geschäftsführer den Hut genommen hat und plötzlich war die ganze Energie freigesetzt – ohne irgendein groß angelegtes Innovationsprogramm. Die Mitarbeiter konnten und wollten nämlich schon immer kreativ sein – man hat sie nur nicht gelassen.

Bitte vervollständige zum Abschluss die folgenden drei Sätze …

1. Mein nächstes Buch heißt …

Falls es tatsächlich noch mal eines geben sollte: „Kreative führt man nicht?“

2. Mein größtes Vorbild ist …

Im Sinne der Menschen, die mich am meisten geprägt und beeinflusst haben, ist es beruflich sicherlich Fredmund Malik, dessen Bücher ich jeder Führungskraft uneingeschränkt empfehle, und privat meine Frau, die mein gesamtes Weltbild schon mehrfach auf den Kopf gestellt hat.

3. Unternehmen wären innovativer, wenn sie endlich verstehen würden …

… dass Kreativität und Innovationsfähigkeit eine direkte Folge und ein Indikator von professioneller und wirksamer Führung sind.

Vielen Dank für das inspirierende Gespräch, Wolfgang.

 

Über Wolfgang Erharter:

Wolfgang Erharter ist Berater am renommierten Malik Management Zentrum St. Gallen. Durch seine ursprüngliche Ausbildung als klassischer Violinist und Jazzbassist hat er jahrelang schöpferische Prozesse gestaltet, gemanagt und begleitet. Als Berater liegt sein Schwerpunkt auf der Gestaltung von innovativen Unternehmenskulturen und der Steigerung der Effektivität von Fach- und Führungskräften. Er hält seit 25 Jahren Workshops, Vorträge und Coachings zu den Themen Kreativität und Innovation. Wolfgang Erharter ist gebürtiger Wiener, lebt aktuell aber in Spanien.

 

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