Innovationen verstehen und entwickeln

Oktober 2019 | Interview

Innovationen verstehen und entwickeln – Interview mit Christoph Burkhardt (Teil 2)

Nach den vielen positiven Reaktionen auf den ersten Teil unseres Interviews mit Christoph, freuen wir uns sehr, jetzt auch den zweiten Teil unseres Gesprächs präsentieren zu können.

Christoph, unser kreatives Schaffen basiert auf Ideen und Konzepten, die sich in den vergangenen Jahrzehnten – mit Ausnahme einiger neuer Methoden oder Werkzeuge – kaum verändert haben. Erwartest du in naher Zukunft eine „Innovation der Innovation“, d.h. einen Paradigmenwechsel in der Art wie wir schöpferisch arbeiten?

Die dramatischste Veränderung, die vor uns liegt, steht schon eine Weile vor unserer Tür und wartet darauf hereingelassen zu werden: Mensch und Maschine werden gemeinsam gestalten. Dafür musste die Rechenpower soweit steigen, dass künstliche Intelligenz in Echtzeit Daten verarbeiten kann, die wir vorher intuitiv genutzt hätten. Wenn wir uns heute Unternehmen wie Autodesk ansehen, die aus ihrer Software echte Partner für Architekten und Designer macht, dann sehen wir, wohin die Reise geht.

Sobald die Restriktionen eines Designs vorgegeben sind, beginnt der Mensch mit den Ideen und die KI hinter der Software macht Vorschläge, die bereits Machbarkeitsanalysen enthalten. Der Designer wählt aus den KI-Vorschlägen aus und entwickelt weiter. Mensch und Maschine entwickeln gemeinsam, weil sie sich gegenseitig inspirieren. Wer am Ende das Design vertreten darf ist vollkommen unklar.

Wir bewegen uns auf eine Welt zu, in der Innovationen von Systemen gestaltet werden, die keinen Menschen mehr benötigen. Das wird unsere Kompetenzen herausfordern. Wir werden wesentlich kreativer und origineller werden müssen, wenn wir künstlicher Kreativität begegnen wollen. Darüber hinaus wird die Geschwindigkeit, mit der wir neue Lösungen entwickeln dramatisch zunehmen, was schon heute die Gefahr birgt immer mehr Menschen abzuhängen.

Da es sich bei dieser technologischen Revolution eigentlich um einen ökonomischen Paradigmenwechsel handelt, werden wir sehen wie die gleichen Technologien auch auf soziale Probleme angewandt werden und wir können alle nur hoffen, dass bis dahin sowohl die USA als auch Europa aus ihrem Technologie-Winterschlaf auf gewacht sind und das Feld nicht vollkommen China und Russland überlassen. Sie sind schon heute weit voraus, was den Einsatz von Mensch-Maschine Kollaborationen angeht.

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Mit welchem Thema beschäftigst du dich gerade am meisten und warum?

Künstliche Intelligenz ist der größte Hebel für Automatisierung, den wir je hatten. Zu jedem Zeitpunkt unserer Geschichte haben neue Technologien zum Wegfall bestimmter Aufgaben geführt, so dass wir evolutionär eine neue Stufe erreichen konnten, weil plötzlich Zeit für andere Dinge da war. Das steht jetzt nicht mehr nur für physische Tätigkeiten an, sondern insbesondere für kognitive. Es ist naiv zu glauben, dass KI vor allem Niedriglohn-Arbeiter ersetzt. Der Lastwagenfahrer wird hier fälschlicherweise immer als Beispiel genannt. Klar wird der ersetzt – aber Kindergärtner werden es nicht. Kassierer im Supermarkt werden verschwinden – aber Hotelrezeptionisten werden es nicht.

Ich glaube vielen Menschen im mittleren Management ist nicht klar, dass die Luft zwischen den Strategen an der Spitze und den Mitarbeitern mit Kundenkontakt ganz furchtbar dünn wird. Wer da nicht kreatives, visionäres und hochinnovatives Potenzial entfaltet, wird in seiner Managementfunktion sehr schnell ersetzt. Menschen koordinieren, Projekte überwachen und Entscheidungen unter Risiko treffen, das kann KI schon heute besser als die meisten Manager.

Du bist sehr vielseitig unterwegs, hast die „TinyBox Academy“ gegründet. Worum geht es bei deiner Academy?

Seit Jahren sehe ich, dass wir jemanden brauchen, der die Brücke zwischen denen schlägt, die Technologie entwickeln und denen, die mit Technologie umgehen, sie aber bislang nicht verstehen mussten. Das wird jetzt anders. Es wird keine Unternehmen geben, die nicht überall und zu jeder Zeit Daten nutzen, auswerten und durch Algorithmen jagen werden. Data Science, KI, Business Model Innovation und Case Design werden zu Jobs gehören wie heute Smartphones, Excel, Video-Calls und Virtual Meetings.

Leider schicken wir viele Mitarbeiter vollkommen unvorbereitet in die Überforderung. Um das zu ändern, gibt es TinyBox, halb Think Tank für neue Technologien, halb Vermittler zwischen Zukunft und dem Status quo. Wir wissen, wie man Menschen komplexe Veränderungen so erklärt, dass sie mitgestalten und nicht nur zuschauen können. Wir haben Top Manager, die gestern noch gegen alles Neue waren und plötzlich losziehen und ihre IT-Abteilungen umbauen. HR-Strategen, die plötzlich erkennen, dass Learning & Development im Zeitalter künstlicher Intelligenz ins Zentrum des Unternehmens rückt, mit vollkommen neuen Aufgaben und auch Macht. Und wir haben Mittelständler, die an ihren größten Konkurrenten vorbeiziehen, weil sie eine Kultur für Innovation aufbauen, die einfach unschlagbar ist. Ganz ehrlich, das macht sehr viel Spaß!

Es wird keine Unternehmen geben, die nicht überall und zu jeder Zeit Daten nutzen, auswerten und durch Algorithmen jagen werden. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Welche drei Bücher hast du in den vergangenen 12 Monaten gelesen, die du unseren Lesern unbedingt ans Herz legen möchtest?

Da ich mit ihm auf der Bühne stand und obwohl er nicht gerade pro Silicon Valley unterwegs ist, schlau ist er definitiv: Richard David Precht – Jäger, Hirten, Kritiker: eine Utopie für die digitale Gesellschaft. Leseanweisung: Nicht einfach nur nicken, man kann das auch anders sehen.

Ohne Frage total unterschätzt: China als KI Supermacht. Deswegen unbedingt lesen: AI Kai-Fu Lee – Superpowers: China, Silicon Valley and the New World Order. Schockierend, beeindruckend, beängstigend – genau wie bei der Technologie selbst: Auseinandersetzen und verstehen ist besser als verteufeln und bekämpfen.

Susan Cain: Quiet – The Power of Introverts in a World That Can`t Stop Talking. Für mich persönlich eine der wichtigsten Lektionen der letzten fünf Jahre. Ich bin total introvertiert, bin gerne alleine, stelle mich selten in den Mittelpunkt, finde es anstrengend neue Leute kennenzulernen und bin ein furchtbar schlechter Netzwerker. Viele sind überrascht, wenn sie das hören, weil es oft anders scheint. Unsere Welt bevorzugt Extrovertierte. Das Buch gab mir die Erlaubnis keiner zu sein. Ich weiß jetzt wesentlich besser, wie ich meine Energie gezielt einsetze.

Vielen Dank für den ebenso spannenden, zweiten Teil unseres Interviews, lieber Christoph!

 

Über Christoph Burkhardt:

Es geht nicht um Technologie, es geht um Strategie. Christoph Burkhardt ist Stratege, aufgewachsen in Deutschland, Studium an der London School of Economics, seit 2012 in seiner Wahlheimat Kalifornien. Der kognitive Psychologe und Ökonom, mehrfache Autor und preisgekrönte Redner, lebt und arbeitet zwischen San Francisco, Köln und Shanghai. Sein Think Tank TinyBox hilft Unternehmen (wie BMW, Daimler, Merck, SAP, Intel, Allianz oder BASF) weltweit neueste Technologien in innovative Use Cases zu verwandeln und drastische Paradigmen-Wechsel zu erkennen, bevor sie unser Leben und das unserer Kunden auf den Kopf stellen.

Christoph macht Mut zu radikaler Transformation und steht für Ideen, die uns alle weiterbringen. Seine Klienten und Zuhörer schätzen ihn als unerschütterlichen Optimisten, wenn es um den Fortschritt der Menschheit geht.

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