innovationen verstehen und entwickeln

September 2019 | Interview

Innovationen verstehen und entwickeln – Interview mit Christoph Burkhardt (Teil 1)

Für unser neuestes Interview konnten wir den Innovationspsychologen und Autor Christoph Burkhardt gewinnen. Da ich Christoph als Experten und Impulsgeber persönlich sehr schätze, freue ich mich ganz besonders über dieses tolle Interview.

Christoph, du bist ein anerkannter Innovationsexperte und hast schon drei Bücher über Kreativität und Innovation geschrieben. Woher kommt deine große Faszination für diese Themen?

Mich treibt die Frage, warum manche Ideen überleben und andere nicht. Das scheint manchmal so zufällig oder zumindest sehr chaotisch vorzugehen. Ich fand das immer spannend. Offenbar machen wir als Menschheit ja Fortschritt: wir werden immer älter und gesünder, weniger Kinder sterben, immer mehr haben Zugang zu Bildung und die Armut sinkt weltweit.

Dinge werden also besser, getrieben durch neue Technologien, neue Geschäftsmodelle, politischen Wandel und soziale Bewegungen. Alles hängt dabei zusammen. Aber wie? Lassen sich Innovationen verstehen, entwickeln und managen? In manchen Bereichen und Industrien lässt sich vieles steuern – was also macht den Unterschied zwischen Ideen, die überleben und denen, die es nicht schaffen?

Du bist in Deutschland geboren, lebst seit dem Ende deines Studiums aber in San Francisco. Wie kam es dazu?

Fortschritt passiert immer im Ökosystem von Innovationen. San Francisco ist zwar Technologie Hub und Silicon Valley Powerhouse, aber auch massgeblich für die Frauen- und Schwulenbewegung verantwortlich. Die gleiche Idealen, die sozialen Wandel in den 1970er Jahren um die Welt trieben, waren am Werk als die ersten Technologie-Vordenker Fuß fassten. Mit Stanford und Berkeley sind gleich zwei Spitzenuniversitäten vor Ort und mischen mit. San Francisco ist auch der Ort, an dem die Vereinten Nationen gegründet wurden. San Francisco ist keine Stadt in den USA: San Francisco ist eine Blase, eine Utopie voller Diversität, Zukunftsvision, höchster Geschwindigkeit, viel Öffentlichkeit und ein echter Schmelztiegel der Kulturen des Westens und Asiens.

Ich kam nach San Francisco als ich in meiner Masterarbeit für die London School of Economics die Innovationskultur von Google analysierte. Erst in Banaglore, Indien. Dann in Kalifornien. Dass in San Francisco die Welt anders gesehen wird, lässt mich seitdem nicht mehr los. Wobei ich mich heute eher als Botschafter der San-Francisco-Ideale sehe und nicht als jemand, der im Silicon Valley Startups gründet.

San Francisco ist eine Blase, eine Utopie voller Diversität, Zukunftsvision und höchster Geschwindigkeit. Disruption ist hier so normal, dass das Wort gar nicht benutzt wird. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Jedes Jahr „pilgern“ tausende deutsche Manager in deine neue Heimat, um sich dort inspirieren zu lassen. Was denkst du über diese Trips ins Silicon Valley?

Haha, ja die sind interessant. Interessant sind für mich vor allem die Intentionen, mit denen viele hierher kommen. Ich bin kein großer Freund von reinen Inspirations-Trips. Klar, es ist super, inspiriert nach Hause zu fliegen und den „Spirit“ mitzunehmen. Aber es gibt so viel mehr zu lernen und in adaptierter Form auch umzusetzen. Wenn ich Besucher aus Deutschland habe, versuche ich deswegen immer die echte Power des Valley zu zeigen.

Um die Dynamik zu verstehen, muss man das System erkennen. Investoren, Startups, Unis, Corporates, Non-Profits und Lobbyisten. Nur im System funktioniert das Ganze. Der Erfolg von Menschen wie Elon Musk oder Tim Cook hängt vollkommen von dem Netzwerk ab, in dem sie ihre Ideen vorantreiben. Niemand kann hier irgendetwas alleine und das ist auch den meisten klar. Konkurrenz lohnt sich nicht. Die Geschwindigkeit ist dafür viel zu hoch. Wer sich an seiner Konkurrenz orientiert, wird abgehängt. Disruption ist hier so normal, dass das Wort gar nicht benutzt wird. Das versuche ich immer zu vermitteln.

Was ist der neueste Trend im Silicon Valley, der hier in Deutschland noch gar nicht richtig wahrgenommen wird?

Ich habe San Francisco (was heute einfach das Silicon Valley ist) immer bewundert für den Pragmatismus beim Angehen wirklich idealistischer Visionen. Anders gesagt, irgendwer identifiziert ein großes, meist globales Problem und die Masse an Startups und kleineren Unternehmen stürzt sich auf die Teilprobleme. Momentan sind Greentech Lösungen so ein Massenphänomen. Das sind Technologien, um Klimaprobleme zu lösen. Sauberes Wasser, nachhaltigere Nahrung, neue Energie und – Grüße an die deutsche Autoindustrie – saubere Luft sind die großen Themen.

Nachhaltigere Konzepte für Mobilität bis hin zu smarten Feinstaub-Luftreinigern sind definitiv zukunftsfähige Themen, auf die sich glücklicherweise – trotz gegenläufiger US-Politik oder gerade deswegen – viele einlassen. Ich glaube, grundsätzlich liegt in Deutschland der Fokus viel zu sehr auf den bestehenden Lösungen und viel zu wenig auf den bestehenden Problemen. Hier werden Konzepte immer entlang bestehender Produkte entwickelt, während im Valley ein Problem erkannt und dann mit allen möglichen Produkten, Services, Technologien und Business-Modellen bekämpft wird.

Die besten Innovatoren sind die, die ununterbrochen auf der Suche nach einem besseren Problem sind. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Du beleuchtest in deinen Büchern die Mythen und Denkfehler der Innovation. Welchen hartnäckigen Mythen und Denkfehlern begegnest du in Unternehmen am häufigsten?

Oh ja, da gibt es einige. Und das übrigens nicht nur in Deutschland. Das gilt für US Unternehmen genauso wie für den Rest der Welt. Hier sind mal drei:

1. Es geht um das Problem. Die Lösung ist zweitrangig.

Gute Innovatoren sind nicht die, die sich hinsetzen und die beste Lösung für ein Problem (er)finden. Die besten Innovatoren sind die, die ununterbrochen auf der Suche nach einem besseren Problem sind. Auf welche Fragen gibt es keine Antworten? Gute Innovatoren suchen nach Fragen, auf die sie selbst keine Antworten haben. Sie suchen nicht nach Antworten auf Fragen, die alle anderen auch stellen.

2. Es geht um den Nutzer. Der Kunde ist zweitrangig.

Ein anderer großer Mythos ist, dass der Kunde im Mittelpunkt stehen muss. Das stimmt nur, wenn der Kunde auch gleichzeitig der Nutzer eines Produktes oder einer Dienstleistung ist. Der übertriebene Fokus auf denjenigen, der am Ende für das Produkt bezahlt sorgt zwar kurzfristig für Verkaufserfolg, aber langfristig nicht für Wachstum. Denn am Ende ist nur der Nutzen des Produkts für den Nutzer dafür ausschlaggebend, ob er oder sie wiederkommt. Nutzer zu beobachten ist deswegen der Schlüssel zum Erfolg für fast alle Silicon Valley Unternehmer. Obwohl Uber und AirBnb mit dem gleichen Geschäftsmodell arbeiten (einer doppelseitigen Plattform) ist der Nutzer bei Uber der Fahrgast, bei AirBnb aber der Gastgeber. Uber bereitet sich auf autonome Fahrzeuge vor, während Airbnb weiß, dass der Erfolg der Plattform nicht von den Kunden abhängt, sondern von den Nutzern der Plattform – nämlich denjenigen, die ihre Zimmer vermieten wollen.

3. Es geht um die Strategie. Die Idee ist zweitrangig.

Viele Unternehmer legen zu viel Gewicht auf einzelne Ideen und vernachlässigen die Strategie. Jede Idee muss in einem Business Case eingebettet sein, der viele Faktoren berücksichtigt. Viele dieser Faktoren sind mir aber gar nicht bekannt. Ich kann also jede Idee nur bis zu einem bestimmten Grad vorbereiten, bevor ich sie auf die Straße setze. Dabei muss mir absolut klar sein, dass sie nur mit einer bestimmten Wahrscheinlichkeit überleben kann. Die Grundidee hinter Amazons Alexa, Apples Siri und Googles Assistant ist quasi die gleiche, aber die Cases sind vollkommen unterschiedlich, weil sie verschiedene Strategien verfolgen. Amazon will möglichst viel Informationen über Nutzervorlieben. Apple will wissen, was wir brauchen und wann wir wo nach was suchen. Google hingegen will ein möglichst menschliches Interface für seine Suchmaschinen. Die Idee ist zweitrangig, die Technologie ist zweitrangig. Was wirklich zählt, ist die Strategie.

Zusammen genommen erklären diese Mythen auch einiges, was in Deutschland als befremdlich wahrgenommen wird: Profitabilität ist nicht das Ziel. Alle Strategien drehen sich um Dominanz in einem Gebiet, um Antworten auf Fragen, die sonst keiner stellt. Paradox, aber für mich ziemlich klar: es geht um Langfristigkeit.

Vielen Dank für den ersten Teil unseres spannenden Interviews, Christoph!

 

Über Christoph Burkhardt:

Es geht nicht um Technologie, es geht um Strategie. Christoph Burkhardt ist Stratege, aufgewachsen in Deutschland, Studium an der London School of Economics, seit 2012 in seiner Wahlheimat Kalifornien. Der kognitive Psychologe und Ökonom, mehrfache Autor und preisgekrönte Redner, lebt und arbeitet zwischen San Francisco, Köln und Shanghai. Sein Think Tank TinyBox hilft Unternehmen (wie BMW, Daimler, Merck, SAP, Intel, Allianz oder BASF) weltweit neueste Technologien in innovative Use Cases zu verwandeln und drastische Paradigmen-Wechsel zu erkennen, bevor sie unser Leben und das unserer Kunden auf den Kopf stellen.

Christoph macht Mut zu radikaler Transformation und steht für Ideen, die uns alle weiterbringen. Seine Klienten und Zuhörer schätzen ihn als unerschütterlichen Optimisten, wenn es um den Fortschritt der Menschheit geht.

https://www.linkedin.com/in/chburkhardt/
chris@tinybox.me

 

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