Unser Bildungssystem neu denken

Juli 2019 | Interview

Unser Bildungssystem neu denken – Interview mit Dr. Christoph Schmitt

Wir freuen uns sehr über unser neuestes Innovation Minds-Interview mit dem Bildungsdesigner und Querdenker Dr. Christoph Schmitt. Wir haben mit ihm über unser heutiges Bildungssystem, die Digitalisierung und natürlich Leonardo da Vinci gesprochen.

Herr Schmitt, Sie setzen sich seit vielen Jahren aktiv für eine Erneuerung unseres Bildungssystems ein. Wo stehen wir 2019 bei diesem Thema?

Ehrlich gesagt setze mich gar nicht so sehr für die Erneuerung des Bildungssystems ein, sondern für dessen Abschaffung. Dafür, dass wir dieses alte Bildungssystem abschließen und loslassen. Ich bin mir aber darüber im Klaren, dass bestehende Systeme immer nur durch neue oder andere Systeme abgelöst werden. Wir können eine Gesellschaft, eine Kultur, eine Ökonomie nicht ohne ein Bildungssystem denken. Dennoch sind wir in einer Zeit angekommen, in einem Zeitalter der Digitalität, in dem wir auf allen Ebenen der Menschheit – planetar, ökonomisch, anthropologisch, ethisch und technisch – einen Komplexitätsgrad erreicht haben, den wir mit unserem herkömmlichen Bildungssystem nicht mehr bewältigen können.

Ebenso können wir die Kompetenzen, die wir für eben diese Herausforderungen brauchen, nicht mehr mit unserem alten Bildungssystem entwickeln. Gerade auf die zentrale Frage nach dem Umgang mit der Vielfalt und Komplexität von Information, d.h. wie wir in Zukunft Wissen konstruieren, wie wir damit umgehen, es vernetzen und es praktisch werden lassen, hat unser Bildungssystem keine Antworten mehr. Daher müssen wir uns tatsächlich die Frage stellen, wo wir 2019 bei diesem Thema stehen. Und wir müssen uns eingestehen: Wir brauchen ein anderes Bildungssystem.

Worin liegen die größten Irrtümer unseres heutigen Bildungssystems?

Die größten Irrtümer unseres Bildungssystem sind die Irrtümer seiner Auftraggeber. Also nicht die des Bildungssystems selbst, sondern die Irrtümer derer, die das System erfunden haben und am Leben erhalten. Ein weiterer großer Irrtum besteht darin zu glauben, man könne die oben beschriebenen Herausforderungen mit einem digital „aufgepimpten“ Bildungssystem anpacken.

Vor Kurzem hielt ich einen Spiegel mit dem optimistischen Titel „Revolution im Unterricht: Computer wird Pflicht“ in der Hand. Die Ausgabe war aus dem Jahr 1984! Heute, 35 Jahre später, diskutieren wir immer noch über dieses Thema. Warum tun sich unsere Schulen mit Veränderungen so schwer?

Das liegt daran, dass unser Schulsystem nicht dafür gemacht ist, sich zu verändern. Es wurde ursprünglich erfunden, um für Kontinuität zu sorgen und um ein kulturelles System zu reproduzieren – einschließlich allem, was an Deutung, Moral und Weltbild in einer Kultur verborgen ist. Auch Veränderung als Phänomen im Bildungssystem dient daher nur dem Selbsterhalt. Das klingt paradox, aber wenn sich ein Schulsystem verändert, dann nur bis zu dem Punkt, bis zu dem es sich nicht selbst in Frage stellen muss. Wir können von der Schule also gar nicht erwarten, dass sie sich grundlegend verändert. Wir müssen uns ändern, indem wir ein bestimmtes Schulsystem schlicht und ergreifend „beerdigen“.

Unser Schulsystem ist nicht dafür gemacht, sich zu verändern. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Was macht Ihnen Hoffnung, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändern wird – dass wir Bildung neu denken?

Was mir Hoffnung macht, dass sich in naher Zukunft etwas zum Positiven verändert, ist, dass wir gerade einen radikalen – nicht nur technologischen, sondern auch kulturellen – Wandel erleben: das Fallen von Monopolen im Wissen- und Informationsbereich, die radikale Veränderung von Arbeits- und Lernkulturen außerhalb klassischer Systeme, die Entwicklung neuer Geschäfts- und Wirtschaftsmodelle sowie das Entstehen neuer Berufe und Arbeitsfelder.

Immer mehr Menschen nehmen ihre Biografie und Identität in die eigenen Hände und nutzen die „Segnungen“ und Möglichkeiten der Digitalität, um sich selbst und ihre Umwelt neu zu erfinden. Wir kommen aus der reinen Konsumentenhaltung heraus und nehmen mehr und mehr eine Mitgestalterrolle ein. Diese positiven Entwicklungen sind nicht nur Luftbilder, sondern bestätigen sich in meinen intensiven Forschungen und im Austausch mit Learning und Working Communities. All das macht mir große Hoffnung.

Welchen Einfluss wird die digitale Transformation dabei auf unsere Schulen und Hochschulen haben?

Es wird immer mehr um „Sein oder Nicht-Sein“ gehen. Staatliche Hochschulen spüren schon heute den Konkurrenzdruck professioneller Anbieter und freiwilliger Netzwerke wie YouTube, Meet-ups, Co-Working und Co-Learning. Ich bin mir sicher, dass die Bereiche der Wissensvermittlung und der Zertifizierung schon bald fallen werden. Dann hängt es von den Hochschulen ab, ob es ihnen gelingt, sich so zu entwickeln und neu zu erfinden, dass sie in den neuen Wissens-, Informations-, Arbeits- und Lernkulturen eine bedeutende Rolle spielen. Wenn ihnen das nicht gelingt, werden sie verschwinden. Diese radikalen Veränderungen sind auch in der Forschungslandschaft zu beobachten.

Wenn es um das Thema Lernen geht, kann ich mir kaum eine bessere Inspirationsquelle als Leonardo da Vinci vorstellen: Er arbeitete projektbasiert, lernte verschachtelt, war ein leidenschaftlicher Netzwerker und transzendierte mit seinen Ideen die Grenzen unterschiedlichster Fachbereiche. Sehen Sie das auch so?

So wie Sie Leonardo da Vinci beschreiben, war er ein leidenschaftlicher Selbstlerner. Einer, der so lernt wie ich es mir wünsche. Jemand, der autonom, selbstbestimmt und selbstorganisiert lernt und ganz selbstverständlich mit anderen zusammenarbeitet. Und das alles in einem Umfeld, das curriculumsfrei, lehrerfrei, fachfrei und selbstbestimmt ist in der Wahl der Orte, der Menschen, der Themen, der Inhalte und auch der Zeiten. Also ja, Leonardo da Vinci kann beim Thema Lernen durchaus ein sehr inspirierendes Vorbild sein.

Wir müssen weg von der Frage „Wie werden Menschen lernen?“ hin zu der Frage „Wie werden wir Lernen ermöglichen, behindern oder befreien?“. Klicken Sie um zu Tweeten

 

Vor Kurzem unterschieden Sie in einem Ihrer Artikel zur „Zukunft des Lernens“ die beiden Konzepte der „Ausdehnung“ und der „Überschreitung“. Ich fand Ihr Ausführungen hierzu sehr spannend. Können Sie kurz erläutern, was es damit auf sich hat?

„Ausdehnung“ bedeutet, dass ich alte Paradigmen, traditionelle Mindsets und Menschenbilder oberflächlich „aufpoliere“ und weiter ausdehne. Derzeit wird in unserem Bildungssystem versucht, das veralte Menschenbild nach Weber, Calvin, Taylor technologisch „aufzupimpen“ und in die neue digitale Kultur zu überführen. Dieses Ausdehnungskonzept wird jedoch nicht funktionieren.

„Überschreitung“ hingegen bedeutet, dass ich meinen Hegemonie-, Monopolismus- und Führungsanspruch als Bildungssystem aufgebe und mich dem Risiko des Kollaborativen, der Emergenz und der Serendipity (dt. Serendipität) aussetze. Dass ich meinen bisherigen Horizont überschreite und mich auf Start-up-Kultur, auf Kollaboration, auf Co-Working und Co-Learning einlasse und dadurch einen neuen Sinn, Bedarf und eine Rechtfertigung als Bildungssystem finde.

Wie werden Schüler und Studenten Ihrer Meinung nach in 10 Jahren lernen?

Das Lernen des Menschen an sich wird sich nicht verändern. Es hat sich auch in den letzten zwei-, dreihundert Jahren nicht verändert. Was sich verändern kann, vielleicht wird, auf jeden Fall muss, das sind die Bedingungen, unter denen wir Menschen lernen lassen. Wir müssen hier den Scheinwerfer drehen: Wir müssen weg von der Frage „Wie werden Menschen lernen?“ hin zu der Frage „Wie werden wir Lernen ermöglichen, behindern oder befreien?“. Es geht also nicht um das Lernen an sich, sondern um die Bedingungen, an denen wir etwas ändern können und müssen. Denn Lernen tut der Mensch immer. Für mich ist Lernen keine Fähigkeit des Menschen, sondern eine Eigenschaft – und zwar DIE Eigenschaft, die den Menschen zum Menschen macht.

Vielen Dank für das spannende Interview, Herr Schmitt.

 

Über Christoph Schmitt:

Eines Tages wurde mir klar, dass die wenigsten Schüler meinem Unterricht etwas abgewinnen können, und dass er sie vor allem vom Lernen abhält. Also habe ich das Format „Unterricht“ kurzerhand abgeschafft. Das war der Wendepunkt. Die Verantwortung lag jetzt bei uns allen, und ich konnte endlich meine Fähigkeiten einbringen: Menschen beim Entdecken und Entfalten ihrer Potenziale zu unterstützen und ihren eigenen Weg zu finden. Seither brenne ich dafür, das Lernen aus traditionellen Gefäßen zu befreien und neu zu denken. Ich mache Initiativen ausfindig, die lebendiges Lernen fördern: mit meinem Blog, mit meinen Videos. Ich baue an Netzwerken mit, inspiriere und provoziere mit Vorträgen, und moderiere spannende Entwicklungsprozesse. Es war mein Glück, dass ich nie eine Ausbildung zum Lehrer gemacht habe. Sonst würde ich vielleicht noch heute versuchen, meinen Unterricht zu optimieren. Stattdessen war es mir möglich, die Lösung für ein fundamentales Problem ganz woanders zu suchen und zu finden.

Anderes und mehr über Christoph Schmitt finden Sie auf seinem LinkedIn-Profil.